WEISSE HÖRGEBIETE
– ein feministischer Atlas des Hörens

 

White soundspaces – a feminist cartography of listening

Performance & Lecture by Pia Palme 2017
The performance can be held in English or in German

Mit Kontrabassblockflöte, Stimme, Elektronik (4-Kanal), Video
Dauer: 50 Minuten

 

Text, Theorie, Sound und Video

WEISSE HÖRGEBIETE ist eine multimediale Performance mit Video, elektronischer Musik (4-Kanal), Kontrabassblockflöte und Texten, die aus künstlerischen Teilen, Storytelling und theoretischen Untersuchungen über feministisches Hören zusammengesetzt ist. Ich verwende wissenschaftliche und künstlerische Texte, und performe (teilweise gleichzeitig) mit Kontrabassblockflöte und Stimme.

video still WEISSE HÖRGEBIETE

In dieser Performance nähere ich mich dem Erbe der großen Komponistin und Hörforscherin Pauline Oliveros an, die das Hören als einen politschen Akt bezeichnet hat. Mit Kopf, Körper, Instrument, Stimme und Technik entwerfe ich einen Atlas neuer Hörgebiete aus einer feministischen Haltung heraus. Das persönliche Ohr wird zum politischen Sinnesorgan, mit dem ich meine Umgebung und mein Inneres kritisch erforsche. In den weissen Gebieten auf der Landkarte des Hörens steht die Zeit still, und der Raum weitet sich.

In this performance I recall the eminent composer and researcher into listening Pauline Oliveros, who defined listening as a political act. Using my mind, body, instrument, voice and electronic media I draw a cartography of unknown territories of listening, from a feminist position. My ears, that is my personal hearing faculties, became political tools of perception which I use to explore my environs and my own inner worlds in a critical way. As I move into blank spaces on the map of listening, time comes to a stop and space widens.

 

In meiner vielschichtigen, durchkomponierten Performance berichte ich über meine Annäherung an das Hören und definiere meinen Ansatz als feministisches Hören. Persönliche und öffentliche Aspekte tragen zu meiner Wahrnehmung bei. Ich präsentiere den Hörvorgang als eine künstlerische Disziplin und zutiefst politische Handlung. Ausgehend von meiner Erfahrung als Mensch/Frau und Komponistin untersuche ich die Hör-Wahrnehmung – also deren Objekte und den Vorgang der Wahrnehmung an sich. Dabei beziehe ich mich auf das Werk der Komponistin, Hörforscherin und Musikerin Pauline Oliveros und entwickle ihre Ergebnisse weiter.

Feministisches Hörens ist inklusiv und dringt unter die Oberfläche, in das Innere der Dinge, in verborgene Substrukturen. Ich höre in die Stille. Ich horche in die Gesellschaft hinein, um das Hintergrundrauschen menschlicher Interaktionen zu erforschen. Ebenso horche in mein Inneres, erforsche hörend meinen Geist und beschreibe den Lärm meiner Gedankenwelt.

video still WEISSE HÖRGEBIETE

 

Anhand der historischen und modernen Kartographie erläutere ich die Auswirkungen der feministischen Hörpraxis auf meine praktische Arbeit. In meinem Diskurs nähern sich die Vorgänge beim Hören und bei der Komposition an: beides erschafft Klangformen und Klanglandschaften.

Horchen ist Komponieren ist Horchen.

In meinem Vortrag werden theoretischen Erläuterungen durch performative Passagen mit Instrumental- und Textperformance unterbrochen und neu gemischt. Ein minimalistisch und teilweise abstrakt gehaltenes Video zeigt Ansichten einer kalten, weiten Eislandschaft im Nebel, sowie Gruppen von Eisläufern in Bewegung. Ich beziehe mich in meiner künstlerischen Performance und in meinem theoretischen Diskurs wiederholt auf diese Menschengruppen in der Landschaft. Ich reflektiere meine Anwesenheit darin, und beobachte die Menschen in Bewegung. Das Video dient somit als Angelpunkt für eine Diskussion von performativen Aspekte in der Musikausübung sowie ganz allgemein in der menschlichen Gesellschaft; auch der Hörvorgang wird zu einem performativen Akt, ebenso wie die Komposition oder Improvisation. Die Körperlichkeit des Hörens ist ein wesentliches Thema meiner Diskussion. In meiner Arbeit treten die Strukturen der Gesellschaft und der Komposition in Beziehung zueinander. Video und elektronischer Sound sind in Form von audio-visuellen Field-recordings hergestellt und reduziert bearbeitet.

video still WEISSE HÖRGEBIETE

 

Textausschnitt (Palme 2016/2017)

Sie versteckt sich
ihren Körper
ihren Geist

verschleiert
verbirgt
hinter ihrer

Haut

schützt vor
schützt vor
schützt vor

she likes to handle paper
and cardboard
she likes
the touch
the sound
the warmth

Papier ist warm
auf den Fingern

fast wie Haut
und gut zum Verpacken
eines feinen
Geistes

ihr Denken
in Papier
einwickeln

[wie ein Stück Käse
zum mitnehmen]

her fingertips sweep over the sheet of paper
unendlich sanft
stroking

she imagines the shadows crossing over the whiteness
as music starts to form
deep inside

she hesitates
to notate