30. September bis 2. Oktober 2016
›Klang‹: Wundertüte oder Stiefkind der Musiktheorie

16. Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie (GMTH)

Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Panel Margarethe Maierhofer-Lischka, Irene Lehmann und Pia Palme

Abstract Pia Palme (Lecture Performance)
Die Exposition der verkörperten Stimme

In meinem Lecture Recital mische ich eine Analyse meiner Arbeiten mit Performance auf der Kontrabassblockflöte und meinen Videoarbeiten. Ich stelle ein Zitat aus der Ilias an den Anfang, die als einer der ältesten Werke für Stimme gilt, und gleich zu Beginn das Hauptthema Zorn aufgreift. Durch die künstlerische Transformation in klangliches Material werden Inhalte wie Zorn, Streit und Leid strukturiert und episch, also singbar. Fast alle meiner neueren Arbeiten enthalten Stimmen, in irgendeiner Form. Ich definiere die Stimme als “Embodiment”, als Gestalt, verkörperlichte Präsenz, die Stimme, Gefühl, Denken und den Körper umfasst. Dies entspricht einer Perspektive des Wahrnehmungsprozesses, die ebendiese Faktoren berücksichtigt. Dementsprechend fasse ich als Komponistin Klang als eine mehrdimensionale Präsenz auf, die im Fall der Stimme eine emotionale, soziale und kognitive Komponente enthält. Die räumliche Ortung dieser Präsenz ist zwingend ein Teil meiner Arbeit. In meinen Werken positioniere ich die verkörperlichte Stimme.

Ausgehend von Jean-Luc Nancys Idee des Hörens und dem postdramatischen Theaterbegriff von Hans-Thies Lehmann erläutere ich die Exposition der Stimme. Die Interpretin/Sängerin wird gegenüber der Gemeinschaft der Zuhörer exponiert, ausgesetzt und ist damit auf sich selbst zurückgeworfen. Die Zuhörer bilden eine soziale Situation; meine Arbeit als Künstlerin wird dadurch politisch. Mit Jean-Luc Godard sehe ich nicht meine Werke, sehr wohl aber mein Komponieren als politisch an.

Ich komponiere mit Texten, die ich verfasse, um die Dimension des Denkens in meine Werke zu bringen. Diese Texte werden dekonstruiert bis zur Unverständlichkeit, der Klang der Sprache als solches stellt dennoch eine tiefe politische Verbindung zwischen Menschen her. Die Selbstreflexion als feministische Komponistin wird Teil meiner Arbeit: ich exponiere mich selbst, als Komponistin, vor der Gesellschaft.

Meine Lecture setzt Elemente des postdramatischen Theaters in einer musikalisch-performativen Situation um. Verschiedene Ebenen teilen miteinander Raum und Zeit, sind simultan ablaufende Vergänglichkeiten.